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15.11.05 08:20

Selektiv-Kreatives Dolmetschen

Es kommt vor, dass wir eine Doppelrolle ausüben und Berater und Dolmetscher in einer Person sind. Dolmetscher sind dazu verpflichtet, inhaltsgetreu zu übersetzen. Berater sind dazu verpflichtet, im Sinne der Interessen ihres Klienten tätig zu sein. Zu einem Zielkonflikt kommt es, wenn wir den Eindruck haben, dass eine wörtliche Übersetzung den Interessen unseres Klienten schaden würde, weil die Äußerung negativer ankäme, als sie gemeint war.
Im Frühjahr 2004 begleiteten wir einen unserer Kunden als Aussteller auf eine internationale Fachmesse in Poznañ. Unser Klient kam gut an: Seine Qualität überzeugte, die Preise stimmten, doch sein Herkunftsland weckte Stereotypen. Ein Kaufinteressent erklärte nach einem längeren Gespräch: „Sagen Sie ihm, dass ich etliche seiner Produkte in Polen billiger kriege.“ In diesem Augenblick ging der Dolmetscherin durch den Kopf: ’Wenn ich das so übersetze, nimmt mein Klient das wahrscheinlich als Beleidigung wahr, und ich riskiere, dass er den Kunden abschreibt. Aber ich habe den Eindruck, dass alle Bedingungen für ein gutes Geschäft gegeben sind.’ Die Dolmetscherin übersetzte: „Er fragt, ob Sie ihm Sonderkonditionen anbieten können.“ Die Verhandlung hatte begonnen. Nach wenigen Minuten waren beide Seiten zufrieden und besiegelten ihr Geschäft per Handschlag.

In: Busch, Dominic (Hrsg.): Interkulturelle Mediation in der Grenzregion. Frankfurt (Main): Verlag Peter Lang. (erscheint im Herbst 2005)


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